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18.02.2026 CEO Standpunkt

Multilateralismus statt Abschottung – Europas wirtschaftliche Zukunft entscheidet sich jetzt

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Europa – und insbesondere Deutschland – steht an einem strategischen Scheideweg. In einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen, wachsender Handelskonflikte und wirtschaftlicher Unsicherheit erscheint protektionistische Industriepolitik für manche als verlockende Antwort. Doch ein europäischer „Buy European Act“ wäre kein Schutzschild, sondern ein Brandbeschleuniger.

Die Zukunft Europas entscheidet sich nicht an Zöllen, Mauern oder Marktabschottung, sondern an seiner Fähigkeit, globale Partnerschaften mit konsequentem Multilateralismus einzugehen – eingebettet in klare geoökonomische und industriepolitische Leitplanken aus Berlin und Brüssel.

Oliver Hermes ist President & Global CEO der Wilo Group, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Honorarkonsul der Republik Kasachstan in Nordrhein-Westfalen, Stellvertretender Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Verein e.V. (NUMOV), Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Kuratoriums des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft e.V. sowie Mitglied des Vorstands der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI). Er ist Essayist mit Beiträgen, die in unabhängigen Medien publiziert werden.

Oliver Hermes vor einer vernetzten Welt mit Europa Flagge

Protektionismus als Inflationsmotor

Ein „Buy European Act“, der öffentliche Aufträge oder Förderinstrumente an europäische Herkunft koppelt, würde kurzfristig politische Handlungsfähigkeit demonstrieren. Langfristig aber würde er Preise erhöhen, Wettbewerb verzerren und die Inflation antreiben. Wettbewerb ist kein ideologisches Prinzip, sondern ein disziplinierender Mechanismus. Fällt er weg, steigen Kosten – und am Ende zahlen Verbraucher und Unternehmen die Rechnung.

Zudem würde ein solcher Schritt die protektionistische Spirale weiterdrehen. Handelsbarrieren erzeugen Gegenbarrieren. Was als Schutzmaßnahme beginnt, endet oft in einer Kettenreaktion gegenseitiger Abschottung. Europa würde sich damit genau in jenen Strudel hineinziehen lassen, den es eigentlich vermeiden sollte.

Kein Merkantilismus, kein Etatismus – aber strategische Rahmensetzung

Ein „Buy European Act“ wäre Ausdruck eines wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsels: zurück zum Merkantilismus, hin zu einer stärkeren staatlichen Lenkung wirtschaftlicher Prozesse. Doch moderne Volkswirtschaften funktionieren nicht nach der Logik des 17. Jahrhunderts. Wohlstand entsteht nicht durch das künstliche Erzwingen von Handelsüberschüssen oder durch administrative Bevorzugung heimischer Anbieter.

Ebenso wenig entsteht er durch dauerhaften Etatismus – also durch eine Ausweitung staatlicher Detailsteuerung von Investitions- und Produktionsentscheidungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Staat passiv bleiben darf. Im Gegenteil: Geoökonomische und industrie-strategische Rahmenbedingungen müssen aktiv gesetzt werden – aus Berlin und vor allem aus Brüssel.

Europa braucht:

  • eine koordinierte Rohstoffstrategie (bei 10 von 26 kritischen Rohstoffen ist die EU vollständig importabhängig)

  • eine gezielte Diversifizierung kritischer Lieferketten

  • eine länderübergreifende Make-or-buy Investitionsstrategie

  • technologieoffene Innovationsförderung

  • gemeinsame Standards in Schlüsselindustrien

Der Staat setzt den Ordnungsrahmen. Er definiert Spielregeln, schützt Wettbewerb, sichert Infrastruktur, fördert Forschung und verhindert strategische Verwundbarkeiten. Was er nicht tun sollte: Märkte dauerhaft ersetzen oder Wettbewerb systematisch ausschalten.

Die soziale Marktwirtschaft war immer stark, weil sie Ordnungspolitik mit Offenheit verband – nicht Abschottung mit Dirigismus.

„Produktionsstätten blieben formal bestehen – doch strategische Kontrolle und Kapitalströme verlagerten sich.”

Oliver Hermes, President & Global CEO der Wilo Group

Der stille Ausverkauf würde sich beschleunigen

Schon heute befinden sich viele nicht-börsennotierte deutsche und europäische Unternehmen in einem schleichenden Eigentümerwechsel. Internationale Investoren erwerben strategisch relevante Mittelständler, um Technologie, Marktanteile oder Produktionskapazitäten zu sichern.

Ein „Buy European Act“ könnte diesen Trend paradoxerweise verstärken. Wenn Marktzugang und Förderbedingungen zunehmend an europäische Produktionsstandorte geknüpft würden, entstünde für Nicht-EU-Unternehmen ein starker Anreiz, europäische Firmen direkt zu übernehmen.

So könnten sie regulatorische Hürden umgehen und sich Wertschöpfungstiefe „einkaufen“.

Die Folge wäre eine Aushöhlung der europäischen Wirtschaft von innen.

Produktionsstätten blieben formal bestehen – doch strategische Kontrolle und Kapitalströme verlagerten sich.

End-to-End-Wertschöpfung ist eine Illusion – und politisch gefährlich

Die Vorstellung, man könne in einer komplexen globalen Wirtschaft vollständige „end-to-end“-Wertschöpfungsketten national oder regional abbilden, ist ökonomisch wie technologisch nicht nur unrealistisch, sie ist gefährlich. Moderne Industrien leben von internationaler Arbeitsteilung, Spezialisierung und globalen Netzwerken.

Die geoökonomische Realität verlangt nicht das Nachbauen von gesamten Lieferketten in einer einzigen Region, sondern das Orchestrieren globaler Aktivitäten. Wer versucht, das globale Produktionssystem auf Europa einzudampfen, verliert ökonomische Masse, Innovationsgeschwindigkeit und technologische Anschlussfähigkeit.

Resilienz entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch Diversifikation. Nicht durch Isolation, sondern durch Partnerschaften. Strategische Robustheit heißt: mehrere Bezugsquellen, mehrere Absatzmärkte, mehrere Allianzen.

Industrielandschaft vor einem Berg

Freihandel als strategisches Instrument

Multilateralismus ist kein naiver Idealismus, sondern ein machtpolitisches Instrument. Wer Handelsräume vernetzt, schafft Abhängigkeiten – und damit Stabilität.

Das Abkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur muss vorübergehend und sofort in Kraft gesetzt werden. Es wäre ein klares Signal: Europa öffnet Märkte, während andere schließen.

Gerade deshalb muss das Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur, dessen Handelsvolumen 2024 bei 111 Mrd. € lag, zügig aktiviert werden. Es verbindet über 700 Mio. Menschen zu einem der größten Freihandelsräume der Welt.

Ebenso müssen bestehende und verhandelte Abkommen beschleunigt umgesetzt oder ratifiziert werden – etwa CETA mit Kanada, die Partnerschaft mit Indonesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie ein ambitioniertes Abkommen mit Indien.

Geschwindigkeit ist hier Strategie. Wer Allianzen formt, während andere Mauern bauen, wird zum Gravitationszentrum.

„Derjenige, der andere entkoppeln will, muss selbst entkoppelt werden.”

Oliver Hermes, President & Global CEO der Wilo Group

Isolation der Protektionisten – nicht Imitation

Die zentrale strategische Frage lautet: Wie geht Europa mit protektionistischen Staaten um? Die Antwort kann nicht sein, deren Politik zu kopieren. Das würde Europa in denselben Abwärtsstrudel ziehen.

Stattdessen gilt: Derjenige, der andere entkoppeln will, muss selbst entkoppelt werden. Nicht durch reflexhafte Gegensanktionen, sondern durch die Bildung robuster multilateraler Netzwerke.

Wenn große Wirtschaftsräume gemeinsame Standards setzen und Märkte verbinden, geraten Abschottungsmodelle strukturell ins Hintertreffen.

Europa darf sich nicht im Strudel nach unten mitziehen lassen. Es muss raustauchen.

Resilienz durch Partnerschaften

Wirtschaftliche Resilienz entsteht durch Breite: durch vielfältige Lieferanten, unterschiedliche Absatzmärkte, technologische Kooperationen und strategische Allianzen. Sie entsteht durch kluge Rahmensetzung – nicht durch administrative Abschottung.

Multilateralismus kombiniert mit strategischer Industriepolitik ist kein Widerspruch. Es ist das Gegenmodell zu Merkantilismus und Etatismus.

Die Wahl ist klar:
Nicht protektionistische Imitation.
Nicht dirigistische Binnenorientierung.

Sondern:
Offene Märkte, klare Regeln, strategische Rahmensetzung – und Partnerschaften als Fundament europäischer Souveränität!