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10.03.2026 CEO Standpunkt

Ein deutscher Irrtum

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Die Golf-Staaten bieten deutschen Unternehmen hervorragende Perspektiven in einer wirtschaftlich dynamischen Region – trotz der Eskalation im Iran. Doch ist in der deutschen Öffentlichkeit ein Zerrbild entstanden. Die Politik darf sich davon nicht treiben lassen.

Oliver Hermes ist President & Global CEO der Wilo Group, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Honorarkonsul der Republik Kasachstan in Nordrhein-Westfalen, Stellvertretender Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Verein e.V. (NUMOV), Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Kuratoriums des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft e.V. sowie Mitglied des Vorstands der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI). Er ist Essayist mit Beiträgen, die in unabhängigen Medien publiziert werden.

Oliver Hermes vor der Skyline von Dubai

In den vergangenen Tagen ist der Iran-Konflikt eskaliert. Auf die Schläge der USA und Israels gegen politische Amtsträger reagierte der Iran noch am selben Tag mit Angriffen – nicht nur auf Israel, sondern auch auf die US-Stützpunkte in der Region und damit auf bis dato unbeteiligte Golf-Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Reaktion dieser Staaten? Defensiv, geschlossen, deeskalierend: Raketen und Drohnen werden zu einem großen Teil erfolgreich abgewehrt, die Bevölkerung und auch Unternehmen werden nach Kräften geschützt. Die Aggression des Irans wird zwar verurteilt, doch politisch-diplomatische Gesprächskanäle sind weiterhin demonstrativ geöffnet. Die unbeteiligten Golf-Staaten drehen die Eskalationsspirale nicht weiter.

Die deutsche Öffentlichkeit scheint mehr zu wissen. Anders ist nicht zu erklären, dass alle Staaten der Golf-Region seit Beginn der Eskalation in der öffentlichen Debatte zur Kriegspartei überzeichnet werden – und damit geradezu als No-Go-Area, mindestens aber als existenzielles Risiko für deutsche Unternehmen dargestellt werden. Das ist eine erstaunliche Fehleinschätzung, aus zwei Gründen:

Grund 1: Verantwortungsbewusste Unternehmen kennen ihre Risiken genau

Die militärische Eskalation im Iran kann niemanden ernsthaft überrascht haben, vor allem mit Blick auf den Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr. Das zeigen auch die Zahlen: Deutsche Unternehmen haben 2025 lediglich Waren im Wert von 963 Millionen Euro in den Iran exportiert – das entspricht einem Anteil von 0,06 Prozent an den gesamten Exporten Deutschlands. Ursächlich für diese überschaubare Quote sind einerseits Sanktionen.

Andererseits sind deutsche Unternehmen, wenngleich aus Tradition stark exportorientiert, klug genug, ihre Risiken im Ausland zu kennen. Das gilt auch für die Golf-Region. Die systematische Analyse von Risiken und die Überführung dieser in ein Business Continuity Management sind schon lange fester Bestandteil der Strategie und Kultur deutscher Unternehmen. So lassen sie sich in Investitionsentscheidungen einpreisen.

Es gilt: Global tätig zu sein, geht mit geopolitischen Risiken einher. Das kann man bedauern. Oder man bereitet sich als verantwortungsbewusstes Unternehmen darauf vor. Konkret bedeutet dies, Eskalationspläne ständig an die geopolitische Realität anzupassen, um im Fall des Falles besonnen, strategisch und mit ausreichender Weitsicht reagieren zu können. Die zweite Seite der selben Medaille: Wer die Welt um sich herum im Auge behält, weiß ebenso schnell, wenn sich die Lage zum Besseren verändert.

Die Hoffnungen auf eine baldige Beruhigung im Iran sind stark gedämpft. Es gibt zu viele konkurrierende Kräfte im Land, das daher sehr wahrscheinlich über Jahre destabilisiert bleibt. Doch sollte sich das Land wider Erwarten schneller stabilisieren, haben Unternehmen mit gutem Risikomanagement Pläne in der Schublade, um den Markt schnell versorgen zu können.

Grund 2: Die Golf-Staaten sind wirtschaftlich dynamisch und politisch stabil – auch weiterhin

Lange galten die Golf-Staaten für deutsche Unternehmen als Auslandsmärkte mit schier gigantischem Potenzial in vielen Bereichen der Wirtschaft. Visionäre Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte zeugen davon. Zuletzt gewann die Region als dynamisches Umfeld für KI-Pioniere noch einmal an Interesse bei ausländischen Investoren. Die erheblichen Wachstumspotenziale der Region sind durch die jüngste Eskalation ungebremst. Ihre Dynamik ist und bleibt hoch.

Hinzu kommen weitere Standortvorteile, die es Investoren leicht machen, sich für die Region zu begeistern: die geografische Lage mit Zugang nach Asien und Afrika, die hervorragende Infrastruktur, der geringe Grad an Bürokratie, die niedrige Steuerlast, die Attraktivität für Fachkräfte sowie die nicht mit dem europäischen Niveau vergleichbaren Energiepreise. Und auch diese Vorteile stehen durch den Konflikt im Nahen Osten nicht zur Disposition.

Dass die Golf-Staaten politisch stabil sind, ist deutschen Investoren längst bekannt. Immerhin ist sie eine zentrale Bedingung für Investitionsentscheidungen. Die beschriebene Reaktion auf die jüngsten Angriffe – defensiv, geschlossen, deeskalierend – zeigt nun auch den letzten Kritikern, dass die Weltgemeinschaft und insbesondere der Westen sehr froh über die stabilisierende Kraft der Staaten in der Region sein sollte.

Dieses besonnene Krisenmanagement spürt nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft: Die Regierungen der Staaten kümmern sich um ihre Sicherheit. Und so könnte sich die Eskalation in der Region am Ende als Lackmustest für die politische Stabilität der Golf-Staaten erweisen: Bleiben sie beim aktuellen Kurs, gehen sie gestärkt aus der Krise hervor.

Politischen Dialog und begonnene Initiativen aufrechterhalten

Der Arbeitsauftrag für die politischen Entscheider in Berlin, aber auch in Brüssel ist deshalb klar: Es geht nun darum, im Dialog zu bleiben und begonnene Initiativen nicht vorschnell und aus einem falschen Verständnis der politischen Lage in der Region heraus abzubrechen. Ein wichtiges Beispiel ist das geplante EU-Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Deutschland und Europa sollten sich davor hüten, die Golf-Staaten nun als Kriegs- und Krisengebiet misszuverstehen, denn das verkennt vollkommen die geoökonomische Realität. Die deutsche und europäische Zukunft entscheidet sich an der Fähigkeit, globale Partnerschaften mit konsequentem Multilateralismus einzugehen – eingebettet in klare geoökonomische und industriepolitische Leitplanken aus Berlin und Brüssel.

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