Europas Moment der Wahrheit
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Die Welt dreht sich heute nicht schneller als vor zehn Jahren – die weltpolitischen und -wirtschaftlichen Entwicklungen sind komplexer, fragmentierter und damit unüberschaubarer geworden. Das ist unbequem. Europas Antwort darf deshalb aber nicht Augenwischerei heißen. Ein Essay.
Oliver Hermes ist President & Global CEO der Wilo Group, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Honorarkonsul der Republik Kasachstan in Nordrhein-Westfalen, Stellvertretender Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Verein e.V. (NUMOV), Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Kuratoriums des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft e.V. sowie Mitglied des Vorstands der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI). Er ist Essayist mit Beiträgen, die in unabhängigen Medien publiziert werden.
In den vergangenen Jahren hat sich ein tiefgreifender Wandel der internationalen Ordnung vollzogen, der auch die globalen wirtschaftlichen Strukturen nachhaltig verändert hat. Europäische Entscheider beschwören zwar in Reden, Key Notes und Paneldiskussionen, die Welt habe sich verändert. In Wirklichkeit aber hoffen sie, im Unrecht zu sein. Sie hoffen, dass sich die Welt wieder erholt. Dass der Protektionismus versandet. Und dass das tradierte europäische Geschäftsmodell wieder funktioniert – irgendwann. Doch die nötige Veränderung Europas beginnt damit, die Wahrheit anzuerkennen.
Je unübersichtlicher die Lage, desto schärfer muss unsere Analyse ausfallen.
Die Fragen, auf die wir Antworten suchen, sind zahlreich – und miteinander verwoben. Alles hängt mit allem zusammen. Anhand von drei zentralen Herausforderungen Europas lässt sich diese Komplexität exemplarisch darstellen: der geopolitischen Situation, der Wasserknappheit und der KI-Revolution.
Herausforderung 1:
Europas Stimme hat kein Gewicht im Spiel der Weltmächte
Die geopolitische Zeitenwende hat Europa verdutzt zurückgelassen. Schon vorher stand die europäische Idee unter Druck. Zu lahm, zu bürokratisch, zu übergriffig war die Europäische Union geraten. Zur innenpolitischen Legitimationskrise kam eine außenpolitische Entfremdung: Die USA, Russland und China ringen um Einflusszonen und setzen ihre Interessen mit aller Macht durch.
Die Welt um sich herum erkennt Europa seitdem nicht wieder – und versteht sich als letzte Bastion klarer Werteorientierung. Eine repräsentative Umfrage der Münchener Sicherheitskonferenz unter den G7- und BRICS-Staaten (ohne Russland) beweist das. Sie zeigt: Europa erlebt die globalen Herausforderungen als bedrohlicher als andere Mächte.
Zusammen ist dieser Cocktail pures Gift. Europa fehlt die kollektive Einsicht, dass es eine stärkere Orientierung an harten Interessen und weniger an weichen Werten braucht, um auf der Weltbühne im Jahr 2026 ernst genommen zu werden. Und selbst wenn es die Einsicht gäbe: Europas Strukturen lassen nicht zu, eigene Interessen konsequent umzusetzen. Das jüngste Beispiel lieferte das Mercosur-Abkommen. Nach mehr als 25 quälenden Jahren der Verhandlung gelingt der Abschluss. Und auch diesen Erfolg sabotiert die EU kurz vor der Ziellinie, indem sie den Vertrag vor den Europäischen Gerichtshof schleift.
Herausforderung 2:
Europa steht vor dem Wasserbankrott
Die Legitimationskrise der Europäischen Union hat der großen europäischen Idee mit den Zielen Wohlstand und Frieden einen faden Beigeschmack verpasst. Die EU steht erheblich unter Druck. Wie sehr, zeigt sich besonders, wenn Solidarität gefordert ist: Bei kritischen Infrastrukturen sowie in der Verteidigungs-, Gesundheits- und Energiepolitik hört die europäische Freundschaft schnell auf. Die Zweckehe der Mitgliedsstaaten der EU funktioniert selbst in guten Zeiten nur mit Streit. In schlechten Zeiten steht sie vor dem Bruch.
Die europäische Gemeinschaft hat in den vergangenen 75 Jahren vor allem gute Zeiten miteinander verbracht. Dabei wartet eine echte Zerreißprobe auf Europa: der Wasserbankrott. Der Begriff entstammt einem 2026 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen. Das Wort „Krise“ sei nicht mehr ausreichend, um die Lage der globalen Wasserreserven zu beschreiben, warnen die Autoren.
Europa kann sich dabei nicht zurücklehnen. Die Wasserknappheit ist längst auch ein europäisches Problem. Das zeigen die Bilder von großflächigen Waldbränden, die uns in regelmäßigen Abständen aus Südeuropa erreichen. Der Weltklimarat prognostizierte, dass im Jahr 2070 insgesamt 44 Millionen Europäerinnen und Europäer vom Wassermangel betroffen sind. Entsprechend alarmierend ist ein Blick in den Wasser-Risiko-Atlas des World Resource Institutes: Schon heute ist ein großer Teil Südeuropas feuerrot eingefärbt. In den kommenden Jahrzehnten aber „frisst“ sich das Wasser-Risiko von Süden aus in Richtung Norden hoch, bedingt insbesondere durch die Wasserknappheit.
Herausforderung 3:
Europa ist nicht wettbewerbsfähig
Schon immer war ökonomischer Wohlstand eine notwendige Bedingung, um Frieden zu sichern. Die Phase des Friedens, die nach dem zweiten Weltkrieg in großen Teilen Europas über Jahrzehnte anhielt und in einigen bis heute anhält, ist historisch. Ermöglicht wurde sie vor allem durch den Zusammenschluss früherer Feinde zu einem gemeinsamen Wirtschaftraum und schließlich zur Europäischen Union. Es ist das Paradoxon der Prävention: Wir verkennen den Wert der EU als Friedens- und Wohlstandssicherungsprojekt, weil wir nicht wissen, wie es uns ginge, wenn es sie nie gegeben hätte.
Womöglich wacht Europa erst auf, wenn der Frieden zwischen den Ländern der Europäischen Union endgültig bröckelt, weil der Wohlstand gesunken ist. Es ist das einzig Positive, das man dem wirtschaftlichen Abschwung Europas abgewinnen könnte.
Es ist nicht gut um den Wirtschafts- und Industriestandort Europa bestellt. Seit Jahren diskutieren die Regierungschefs europäischer Staaten und EU-Politiker über die Standortnachteile, den daraus resultierenden Mangel an Wettbewerbsfähigkeit und Abschwung der europäischen Wirtschaft. Die Wachstumslücke zu China und den USA hat sich seit der gescheiterten Lissabon-Strategie aus dem Jahr 2000 erheblich vergrößert. In anderen Worten: Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich ist Europa abgehängt.
Besonders deutlich wird die Lage in Deutschland, lange wirtschaftlich-industrielles Zugpferd der EU. Die Deindustrialisierung galoppiert: Eine Schlagzeile zum Arbeitsplatzabbau in der deutschen Industrie jagt die nächste. Gleichzeitig steigen die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland erheblich. Was nach einer guten Nachricht klingt, hat eine denkwürdige Kehrseite. Deutsche Unternehmer haben den Glauben an den Standort verloren und verkaufen ins Ausland. Selbst wer Jahrzehnte lang unternehmerische Verantwortung übernommen hat, verlässt gerade das sinkende Schiff.
Und das Ausland? Dort wundert man sich über die hausgemachten Probleme des Wirtschafts- und Industriestandorts Europa und insbesondere Deutschland – und freut sich heimlich über unseren ungeschickten Umgang mit ihnen. Sie stoßen nur zu gerne in die Lücken, die unser Abschwung auf dem Weltmarkt hinterlässt.
„Je unübersichtlicher die Lage, desto entschlossener muss unser Handeln ausfallen.”
Wie also kann Europa auf diese Herausforderungen reagieren? Etwa so:
Antwort 1:
Europa braucht Disruption, Liberalismus und Multilateralismus
Wie schafft es Europa, auf der Weltbühne ernst genommen zu werden – ohne seine eigenen Ideale zu verraten? Die Suche nach der Antwort auf diese Frage führt in die Arbeitszimmer in Brüssel. Die Europäische Union ist in ihrem aktuellen Zustand nicht weniger als dysfunktional. Eine notwendige Bedingung, um außenpolitisch an geostrategischer Bedeutung zu gewinnen, ist die innenpolitische Disruption.
Dabei ist Disruption nicht gleich Disruption. Der Begriff, der den radikalen Umbruch von Technologien, Prozessen, Systemen, Gesellschaften und Kulturen beschreibt, ist mit Vorsicht zu genießen. Sie darf keine Generalvollmacht sein, um politische Strukturen zu zerstören und sich dabei lästige und langwierige Reformbemühungen zu sparen.
Will man die Disruption als Werkzeug für Veränderung, darf man nicht vergessen, ihr eine Ausgestaltung der durch den Umbruch entstandenen Freiräume folgen zu lassen. So wird sie zur schöpferischen Zerstörung – zur konstruktiven Disruption. So ersteht Europa auf – schlagkräftiger, schlanker, funktionstüchtiger und für die Bürger der Europäischen Union spürbar relevanter als je zuvor.
Diese innenpolitische Veränderung ist die Grundvoraussetzung, um außenpolitisch an Bedeutung zu gewinnen. Es entsteht ein nie dagewesener Freiraum, der gestaltet werden will. Und dabei muss sich Europa nicht den groben, protektionistischen Methoden anderer politischer Mächte bedienen – im Gegenteil.
Ja, Europa muss (und kann) stärker eigene Interessen vertreten. Seine Grundwerte muss es deshalb nicht verraten. Die Abkehr vom Liberalismus und Multilateralismus in der Weltpolitik und -wirtschaft hat eine Lücke hinterlassen, die Europa füllen kann. Es gilt: Jetzt erst recht.
Während die politischen Großmächte USA und China dem merkantilistischen Staatskapitalismus zur neuen Blüte verhelfen und nach Freude in Märkte eingreifen, schafft das Festhalten am Freihandel einen Vorsprung für Europa, vor allem mit Blick auf Effizienz und Innovation. Gleiches gilt für die Verteidigung des Multilateralismus: Neue Partnerschaften auf Augenhöhe, vor allem mit Ländern aus dem Globalen Süden, bringen Europa einen globalen Wettbewerbsvorteil.
Antwort 2:
Europa braucht einen Blue Deal
Die Europäische Union ist dysfunktional, obwohl sie von einer der existenziellsten Bedrohungen dieser Welt in weit geringerem Maße betroffen ist als andere Mächte: der Wasserknappheit. Doch es handelt sich um einen Wettbewerbsvorteil auf Zeit. Die Uhr läuft gegen Europa. Die Staaten der Europäischen Union sind deshalb heute gefordert, die richtigen Vorkehrungen zu treffen, um morgen nicht auf dem Trockenen zu sitzen – buchstäblich.
Dazu gehört erstens, anzuerkennen, dass zur kritischen Infrastruktur nicht mehr nur die – zweifellos hochrelevanten – Sektoren Verteidigung, Gesundheit und Energie zählen, sondern auch der Wassersektor. Es gilt: Ohne Wasser kein Leben, doch ohne Anstrengungen im Bereich der Wasserinfrastruktur keine europäische Souveränität. Und dazu gehört zweitens, das Problem mit einem visionären Großprojekt anzugehen – und den schon vielfach geforderten Blue Deal umzusetzen.
Sicher ist, dass dieser von vornherein auf einer Strategie fußen muss, die diese Bezeichnung verdient. Die Wasserkrise muss mit langfristigen Konzepten bekämpft werden. Schnellschüsse und Aktivismus sind unangebracht. Klar ist ebenso, dass die Verantwortung für die Ausarbeitung und Umsetzung des Blue Deals auf europäischer Ebene liegen muss – es ist förmlich eine Grundvoraussetzung! Zum Scheitern verurteilt wäre ein solcher Aufschlag, wenn er in Kleinstaaterei enden würde.
Denkverbote darf es angesichts des Ausmaßes der Wasserkrise nicht geben. Ziel muss einerseits sein, die gesamte europäische Wasserinfrastruktur bis 2050 zu harmonisieren. Doch es geht um mehr. Wir sollten uns sogar vornehmen, Wasser in langen Fernleitungen aus dem wasserreichen Norden in den wasserarmen Süden Europas zu transportieren. Schließlich kann nur so eine solidarische Umverteilung der Wasserressourcen gelingen.
Am Ende der Umsetzung dieses sicherlich ambitionierten Plans steht eine resiliente europäische Wasserinfrastruktur. Der moralische Wert der Initiative ist unschätzbar. Die Legitimationskrise der EU setzt sie als Wertegemeinschaft und Wirtschaftraum unter Druck.
Was Europa braucht, ist ein neues, positives Narrativ, das den Nukleus der europäischen Idee betrifft: die Solidarität der Länder Europas untereinander. Zwischen den reichen und den armen. Zwischen den großen und den kleinen. Vor allem aber: zwischen den wasserreichen und den wasserarmen.
Antwort 3:
Europa braucht ein KI-Mindset
Inmitten des wirtschaftlich-industriellen Abschwungs erwischt Europa eine technologische Revolution wie Künstliche Intelligenz kalt. Oder?
Im Gegenteil. Tatsächlich kommt KI für den Standort Europa wohl „just in time“. Das tradierte Geschäftsmodell Europas hat dank ihr wieder eine Perspektive. Besonders die gebeutelte europäische Industrie steht vor der Chance, ihre Exzellenz und Innovationskraft zu halten – bei gleichzeitiger Verbesserung der Produktivität. Dieser Umstand verändert die Ausgangslage für den Industriestandort Europa erheblich. Der Schlüssel liegt in Physical oder gar Industrial AI: Industrielle Prozesse und Datenflüsse werden optimiert, wodurch die Fertigung effizienter und intelligenter wird.
Auf dem Nährboden des hochmodernen, in weiten Teilen Industrie-4.0-Standard folgenden, aber im internationalen Vergleich zu teuren industriellen Ökosystems Europas erstehen Industrieunternehmen auf – und damit Europas Wirtschaft insgesamt. Jedenfalls dann, Europa die disruptive Kraft der Künstlichen Intelligenz richtig lenkt.
Erstens muss die EU der Versuchung widerstehen, KI-Anwendungen im industriellen Umfeld zu regulieren und so die produktivitätssteigernde Kraft der Technologie zu ersticken, bevor sie zum Tragen kommen konnte. Und zweitens muss sich Europa geradezu kulturell auf ein gemeinsames KI-Mindset einschwören: Künstliche Intelligenz ist nicht der Feind, sondern der Freund des Wirtschaftsstandorts Europas. Es gilt, ihn so zu behandeln.
Indem Europa ein Vorreiter der Physical und Industrial AI wird, hat es die Chance, im KI-Rennen aufzuschließen – und sich strategisch abzugrenzen: Europa nutzt KI als industriellen Leistungs‑ und Standortvorteil, während etwa die USA KI als skalierbares Software‑ und Plattformgeschäft treiben.
Je unübersichtlicher die Lage, desto wichtiger sind Pioniere.
Drei europäische Herausforderungen, drei europäische Antworten. Sie zeigen, dass nur wer den Mut hat, die Wahrheit auszusprechen, Antworten findet. Sie zeigen, dass die Herausforderungen, mit denen sich Europa im Jahr 2026 konfrontiert sieht, komplex und interdependent sind – alles hängt mit allem zusammen, einfache Lösungen gibt es daher nicht. Und sie zeigen, dass Europa die Chance hat, gestärkt aus vermeintlichen Krisen hervorzugehen, wenn es schafft, ein Momentum der Veränderung zu finden.